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Hessisches St. Pauli in Hanau

Das Früher, von dem Rough spricht, war vielleicht eine bessere Zeit als die gegenwärtige. Aber auch sie war nur noch ein Nachhall des goldenen Zeitalters des Rock’n’Roll: Dieser Schluss liegt nahe, wenn Leslie Link von den Tagen erzählt, als Elvis Presley und Little Richard die deutsche Jugend begeisterten. Link, mit Vornamen eigentlich Harald Heinz, ist 68 Jahre alt, seit 40 Jahren betreibt er ein Gitarrengeschäft in Hanau. Davor verdiente er sein Geld als Gitarrist. „Ab etwa 1958 konnte man jeden Abend irgendwo auftreten und damit Geld verdienen“, erzählt Link, den sie manchmal den Jimi Hendrix von Hanau nennen.

Rückblende: 1945 wird Hanau zur Garnison der amerikanischen Streitkräfte. Zu Hoch-Zeiten des Kalten Kriegs sind in der Pioneer-Kaserne und in den dazugehörigen Housing Areas in Großauheim und Wolfgang mehr als 30 000 Soldaten samt ihren Familien stationiert. Die GIs verdienen gut, und sie wollen sich amüsieren, Musik hören. In Hanau eröffnen City Bar, Post Bar, Moonlight Bar, Maxim, Eden und Jolly Bar, Skyline und Rainbow Club, unter Nachtschwärmern und Musikliebhabern hat die Clubmeile bald den Ruf eines hessischen St. Pauli.

 

 

Jugendamt verbot musikalische Kinderarbeit

 

In Links Laden in der Hanauer Altstadt hängt der Himmel voller E-Gitarren, die meisten in den klassischen Formen Les Paul und Stratocaster. Klassiker, die nach wie vor Ikonen des American Way of Life sind und ein freieres, wildes Leben versprechen, Sex, Drugs & Rock’n’Roll eben. Wenn Link Gitarre meint, sagt er häufig Klampfe, Musikerslang. Links Karriere begann früh. Mit dreizehn gründete er seine erste Band, zwei Jahre später trat er schon zum ersten Mal als Profi auf, mit den Twens.

Leslie Link - Der Hanauer Gitarrist und Ladeninhaber spricht mit Sebastian Schilling über Rock Musik im Rhein-Main Gebiet früher und heute.

 Sein Himmel hängt voller Gitarren: Leslie Link stand mit ganz Großen auf der Bühne. Hier steht er in seinem Laden in Hanau.

„F.A.Z.-Foto / Rainer Wohlfahrt“.

 

„In Kitzingen haben wir jeden Abend fünf Stunden in der Hillbilly Bar gespielt.“ Bis das Jugendamt einschritt und der musikalischen Kinderarbeit ein Ende machte. Link schloss dann erst einmal eine Lehre zum Schildermacher ab. „Mit siebzehn bin ich bei den Hit Cats eingestiegen. Wir haben in ganz Deutschland in den Bars gespielt.“ Link verdiente 1800 Mark im Monat, „ein Arbeiter hatte damals vielleicht 600 Mark im Monat“.

 

Erfolg hielt nicht lange an

Der Dollar ist damals vier Mark wert, in den Bars sind die Amerikaner als Gäste überaus geschätzt. Die Wirte, sagt Link, „sind vor Lachen nicht mehr in den Schlaf gekommen“. Schlaf hat auch er nicht viel bekommen, oft endeten die Auftritte erst morgens um fünf, auf die Dauer nicht auszuhalten. „Irgendwann hatte ich die Schnauze voll.“ Er sei nach Hause gegangen und habe sich von seiner Mutter aufpäppeln lassen. Später gründete er mit Bassist Heini Mohn, Sänger Peter Bischof und Schlagzeuger Curt Cress die Band Orange Peel. Sie spielten mit den Großen des Rockgeschäfts: Chuck Berry, Black Sabbath, Deep Purple. Mit ihrer Single „I Got No Time“ landeten Orange Peel in Frankreich einen Nummer-eins-Hit. „Wir wurden in Paris empfangen wie die Beatles“, hat Link in einem Interview einmal erzählt.

Lange hielt der Erfolg aber nicht an. Nach einer Single und einem Album war Schluss. 1971 trennten sich die Musiker. „Zwei wollten mehr in Richtung Frank Zappa gehen, mein Ding war eher der Blues und Jimi Hendrix. Dann ist man halt auseinandergegangen.“ Dass der ein oder andere mit den Drogen nicht klarkam, habe allerdings auch eine Rolle gespielt, sagt Link.

Was die Livemusik angeht, glaubt Link, dass ihr Zenit schon Ende der sechziger Jahre überschritten war. Warum? Er vermutet, dass einerseits Übersättigung eingetreten sei und andererseits moderne Beschallungssysteme die Auftritte von Künstlern in Kneipen und Diskotheken überflüssig gemacht hätten.

Publikum entschädigt

Nach dem Ende von Orange Peel arbeitete Link zuerst bei Cream Music in Frankfurt und später bei Musik Beyer in Hanau. 1976, erst 29 Jahre alt, eröffnete er sein eigenes Gitarrengeschäft in Hanau, Link‘s musical instruments, das er mit seiner Frau Sonja betreibt. Dass heute weniger junge Leute Lust haben, selbst Musik zu machen, glaubt er nicht. „Es ist nur anders geworden. Heute verkaufen wir teilweise mehr Akustikgitarren als E-Gitarren.“ Das könne daran liegen, dass man mit ein paar Griffen schon Lieder begleiten könne und im Fernsehen häufig Duos oder Trios mit Akustikgitarre gezeigt würden. „Mit der E-Gitarre sieht es da schon anders aus, bis du zu Potte kommst.“ Dennoch gebe es nach wie vor Nachwuchsmusiker, die sich vom Klang der elektrischen Gitarre verzaubern ließen. Manche so sehr, dass sie alles dafür tun, mit ihrer Musik den Durchbruch zu schaffen.

Auszug aus dem Artikel in der FAZ /Sonntagszeitung vom 29.5.2016

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